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Multi-Kulti Beziehung und Erziehung – wenn Mama und Papa (auch pädagogisch) eine ganz andere Sprache sprechen

Dass Mama und Papa sich in Sachen Erziehung nicht immer einig sind, ist wohl absolut normal – ich zumindest kenne kein Elternpaar, dass in allen (Erziehungs-)Angelegenheiten immer einer Meinung ist. Dennoch ist allseits bekannt, wie wichtig es ist, dem Kind gegenüber als eingeschworenes Team aufzutreten, sich also gleichermaßen an Regeln und Absprachen zu halten und ein “nein” des Partners auch bei einem “nein” zu belassen. Dies gilt auch wenn man selbst vielleicht der Meinung ist, dass der andere mal wieder ein wenig übertreibt und es doch überhaupt kein Problem ist, mit dem Fußball durch die Wohnung zu toben oder von der Fensterbank aufs Bett zu springen.  Versteht sich von selbst? Nicht bei uns.

Willkommen in meiner (denglabischen) Welt der täglichen Auseinandersetzung darüber, was Kinder (in den Augen meines Mannes) alles dürften und (in meinen Augen) alles nicht dürfen. Gegenüber stehen sich Deutschland (ein Land indem so ziemlich alles reguliert ist) und Ägypten (ein Land indem gegen so ziemlich alles rebelliert wird).

Gute Tischmanieren –  “Absolutes Muss” oder “Gibt wichtigeres?”

Ohne Frage, ein absolutes Muss. So habe ich immer gedacht und tue es eigentlich auch noch. Warum nur eigentlich? Weil ich selbst merke wie ich in der Angelegenheit wesentlich nachlässiger geworden bin und bei weitem nicht mehr die Strenge an den Tag lege, die ich mir fest vorgenommen hatte – hat mir schliesslich auch nicht geschadet. Dass man erst anfängt zu essen, wenn alle am Tisch sitzen und den Tisch erst wieder verlässt, wenn alle fertig sind, ist für uns (Deutschen) eine absolute Selbstverständlichkeit. Wer aber einmal an einem ägyptischen Familienessen teilgenommen ist, wird in dieser Hinsicht den Kulturschock seines Lebens erleben. So decken wir (Deutschen) an Festtagen das schönste Geschirr und Besteck auf, weil es doch eben so ein besonderer Anlass ist, dekorieren den Tisch mit Kerzen und teilweise aufwändig gefalteten Servietten, befüllen  dann festlich alle Weingläser bis wir endlich zum eigentlichen Teil – dem Essen – übergehen. Für meinen Mann ist das jedes Mal wieder eine endlos lange Zeremonie die er nie verstehen wird und auch nicht verstehen will, denn

Essen ist kein Genuss, sondern dient schlicht weg dem Zweck des Überlebens.

Zwar tischen auch die Ägypter zu besonderen Feierlichkeiten die besten und teuersten Speisen auf die mit viel Liebe den ganzen Tag und darüber hinaus zubereitet wurden, nur gleicht die feierliche Tafel innerhalb kürzester Zeit einem einzigen Schlachtfeld. Nun muss man dazu sagen dass die Festtagsgesellschaft nicht wie bei uns problemlos an einen ausgezogenen Esstisch passt, sondern 40-50 Personen schon fast eine überschaubare Runde sind. Daher ist es durchaus verständlich, dass das gute Porzellan für ein Plastik-und Pappserviece weichen muss und nicht im sitzen sondern im stehen gegessen wird und das in einer Geschwindigkeit das einem hören und sehen vergeht.  Der Appetit mag dem typisch Deutschen der manisch alles einmal mehr auskocht, wäscht und desinfiziert gleichermaßen vergehen, wenn er wüsste, durch wie viele Hände der Berg den man auf einmal auf seinem Teller vorfindet, gereicht worden ist. Für mich jedes Mal wieder ein tolles Erlebnis, denn alles kommt von Herzen und ist einfach nur authentisch, aufrichtig und absolut ungezwungen.

Ägypten ist ein Land, in dem der Großteil  unterhalb der Armutsgrenze liegt, das tägliche Disziplinieren am Tisch steht somit  ganz weit unten auf der Prioritätenliste steht, schlicht weg weil die Dankbarkeit darüber überhaupt etwas auf dem Tisch zu haben. Und somit werde ich als Einzelkämpfer für Anstand und Disziplin in der Kategorie Tischmanieren etwas nachlässiger. Aber auch entspannter. Denn solange sich Bobi einigermaßen an die Basics hält, vernünftig am Tisch sitzt und ohne zu große Faxen oder Geräusche Essen und Trinken zu sich nimmt, ist doch eigentlich alles im grünen Bereich, oder? Zumindest in dieser Hinsicht.

2. Ein Kleinkind sollte spätestens – aber allerspätestens – um 8 Uhr im Bett sein – warum eigentlich?

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr in diesem Punkt die (kulturellen) Ansichten auseinander klaffen. Zuhause fällt mir das ehrlicherweise überhaupt nicht mehr auf, vermutlich weil ich mich inzwischen schon fast damit abgefunden habe, dass Bobi nicht  vor uns ins Bett geht. Spätestens wenn ich dann aber einen Nachmittag mit meinen deutschen Mutti-Freunden verbringe und um 17:30 Uhr in absoluter Massenhektik, alle Kinder und Sachen zusammen gepackt werden, fällt es mir dann wieder ein. Stimmt, noch 1 1/2 Stunden bis zum Sandmännchen und danach dann ab in die Heia für alle Kinder Deutschlands (mit Ausnahme von einem). Ich bin natürlich höchstgradig neidisch über so viel Freiraum, den sich die Muttis durch diese strikte Routine schaffen, aber die Wunschvorstellung, dass mein Kind einem ähnlichen Zu-Bett-Geh-Regime folgt, habe ich schon lange auf Eis gelegt. Warum?

Vielleicht weil ich es leid und müde bin, abends die einzige zu sein, die auf einer frühen Nachtruhe beharrt, denn auf Unterstützung brauche ich hier nicht hoffen – wer schon mal in einem südländischen Land unterwegs war, weiß, dass es das Normalste auf der Welt ist, das Kinder bis 9, 10 oder 11 abends mit ihren Eltern zusammen auf den Straßen unterwegs sind. Somit ist es auch für meinen Mann das Normalste. Und stärkt zudem die Eltern-Kind-Bindung. Denn was hat man(n) denn von seinem Kind, wenn man eben erst abends spät nach Hause kommt und sein Kind dann nur kurz oder gar nicht sieht. Man würde sich entfremden und das sei ja überhaupt der Grund dafür, weswegen sich die Kinder im Alter nicht um einen kümmern. Weit hergeholt? Kann schon sein, abstreiten kann ich es allerdings nicht, dass Familie in den arabischen Ländern einen ganz anderen Stellenwert hat als hier. Und darüberhinaus ändert es auch nichts an der Tatsache, dass mein Mann und ich uns nun gerade mal wieder inmitten einer moralischen Grundsatzdiskussion wiederfinden, statt Bobi ins Bett zu bringen. Dieser hingehen hat sich somit schon bereits vor 3 1/2 Jahren seinen Stammplatz im Familienbett erkämpft. Sicherlich hätte ich konsequenter sein können (und vielleicht auch müssen?), aber da auch ich abends bis vor meiner zweiten Elternzeit gerade mal eine gemeinsame Stunde mit Bobi gehabt hätte, wenn wir uns an das Sandmännchen-zu-Bett-geh-Ritual gehalten hätte, war ich es nicht. Und wollte es vielleicht auch nicht sein. Denn Bobi braucht(e) die Mama-Zeit. Und soll ich ihm diese verwähren, nur weil es in Deutschland nun mal so ist, dass Kinder um 19 Uhr im Bett zu sein zu haben? Hmm. Gewissenskonflikt?  Nicht wirklich – schließlich müssen wir damit leben und sonst niemand. Und ja, es gibt definitiv Tage an denen ich absolut verzweifelt bin, nicht abends den Tag alleine vor dem Fernseher oder in intimer Zweisamkeit ausklingen zu lassen. Dennoch genießen wir alle das “Familienkuscheln” und ich glaube nur darauf kommt es an.

Ich könnte ewig zu dem Thema weiterschreiben, und dabei bin ich noch nicht mal auf die sprachlichen Herausforderungen eingegangen die eine trilinguale Beziehung und Erziehung so mit sich bringen. Diese sind logischerweise auch nicht gerade förderlich um unsere kulturell oder eben auch menschlich bedingten Differenzen auszufechten. Unser tägliches Leben ist geprägt von Konflikten und Kompromissen – klingt anstrengend, ist es manchmal auch, aber unheimlich bereichernd dazu. Und worauf es doch wirklich ankommt, ist dass wir respektvoll und liebevoll miteinander umgehen. Werte die nicht mehr selbstverständlich, sondern mittlerweile selten sind. Und – da sind wir uns einig – wesentlich wichtiger, als die Tatsache, dass das 3-jährige Kind nicht mit vollem Mund spricht oder um Punkt 7 Uhr in SEINEM Bett liegt.

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