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Wenn Eltern anders glauben – zwischen Islam, Christentum und Erziehung 

Es handelt sich bei diesem Artikel um einen Gastartikel, der ursprünglich im Rahmen der Gretchenfrage auf dem Blog von Mama Juja veröffentlicht wurde, und den ich nun mit ihrer Genehmigung auch auf meinem Blog – in etwas abgewandelter Form – mit euch teilen möchte.

Ich habe lange überlegt, ob ich zu diesem Thema einen Artikel schreiben sollte. Es ist nicht so, dass es mir an Gesprächsstoff mangelt, ganz im Gegenteil. Es ist viel mehr die Tatsache, dass es hier wirklich um eine Thematik geht, die sehr emotions- und konfliktbehaftet ist und das nicht nur in der großen weiten Welt da draußen, sondern ebenso im persönlichen und täglichen Miteinander – zumindest dann, wenn man mit unterschiedlichen Wert- und Glaubensvorstellungen aufgewachsen ist. Und bis man feststellt, dass eigentlich alles gar nicht so unterschiedlich ist, wie man immer gedacht hat.

Der Grund weswegen ich mich nun heute dennoch dazu entschieden habe, mich (öffentlich!) zu äußern, ist wesentlich einfacher als das Thema an sich: es ist eine Herzensangelegenheit und darüber hinaus eine Pflicht, zumindest empfinde ich es als solche. Denn wie kann ich stillschweigend dabei zugucken, wie Hater jeden Tag aufs Neue eine virtuelle Hetzjagd gegen jenen Glauben betreiben, der meinen Söhnen in die Wiege gelegt wird, um ihnen ihnen den richtigen Weg für die Zukunft zu weisen? 

Die Rede ist vom Islam.

Aber fangen wir doch mal ganz von vorne an…

Ich selbst bin im Norden von Deutschland aufgewachsen ist, wo von Haus aus der evangelische Glaube mehr verbreitet ist, aber nur die wenigsten den Glauben wirklich praktizieren. So gab es auch bei uns weder Tischgebete noch sonntägliche Kirchengänge und Religion spielte in meinem Alltag keine große Rolle, obwohl ich immer einen starken Glauben an die Existenz und Allmächtigkeit von Gott hatte.

Nachdem ich mein Abitur abgeschlossen  und mich infolge dessen geschlagene 7 Jahre nach England abgesetzt hatte, stand für meine Eltern unmittelbar nach meiner Rückkehr nach Deutschland der nächste Schock bevor – ich hatte mich in einen Ägypter verliebt. Und zwar Hals über Kopf und so dass ich am liebsten direkt wieder meine sieben Sachen gepackt hätte, aber das sollte nach ein paar Monate auf sich warten lassen.

Über “Nicht ohne meine Tochter” und weitere Klischees

Meine Familie und Freunde waren im Großen und Ganzen sehr unterstützend, dennoch machten sie sich natürlich auch  Gedanken und dabei wurde auch kein Klischee ausgelassen, wenn auch vieles mit Humor gemeint war:

Er braucht dich nur für die Einreise, er wird dich gegen Kamele eintauschen und nach der Hochzeit trägst du dann ne Burka und versauerst als Ehefrau 22 in einem Harem irgendwo in der Sahara.

Jeder hatte irgend eine Story parat – von der Bekannten eines Freundes, der Tochter der Nachbarin bis hin zur Nichte der Kassiererin – ich kann euch gar nicht sagen, wie oft man mich in dieser Zeit mit “Kennst du ‘nicht ohne meine Tochter'” konfrontiert hat. Interessanterweise hatte ich den Film gesehen und zwar im Religionsunterricht, als wir über den Islam belehrt wurden, was mich wenn ich heute darüber nachdenke extremst irritiert.


Über Monate hin führten Papa Habibi (der nachwievor in Ägypten lebte) und ich – täglich und stundenlang – Gespräche über Skype, die mal mehr, mal weniger romantisch abliefen. Es war schwere Kost, für jemanden wie mich, der in einem sehr freizügigen Umfeld aufgewachsen ist, aber wir waren uns einig, dass die Voraussetzung für eine gemeinsame Zukunft war, über ALLES zu reden, damit es für keinen von uns beiden irgendwann zu einem bösem Erwachen kommt. So ging es um Themen wie Eifersucht und Küsschen als Begrüßung mit männlichen Freunden, Minirock und Bikinis, Verzicht auf Alkohol und Sex vor der Ehe und ein in europäischen Augen eher traditionelles Rollenverhältnis von Mann und Frau in der Gesellschaft. Mir persönlich lagen Themen wie Polygamie und die Tatsache, einer potentiellen Konvertierung, die man von mir erwarten würde, auf der Seele. Als das zu meiner Zufriedenheit geklärt war (nämlich das ersteres niemals eine Rolle spielen wird und letzteres niemals von mir erwartet wird – es sei denn ich würde mich selbst dazu entscheiden), stand fest, wir wollten heiraten. Doch vorher sollte ich noch Land, Leute und Leben in Ägypten kennenlernen.

Über (angemessene) Kleidung, ein bisschen Romantik und die Frage der Ehre

Ägypten ist zwar überwiegend muslimisch, aber heutzutage absolut modern. Entgegen der westlichen Vorstellungen sind Frauen ebenso gebildet und arbeiten als Arzt, Lehrer oder in der Wirtschaft, genau wie bei uns. Sie fahren Auto, gehen shoppen und treffen sich mit Freunden in Cafés oder auch Diskos. Auf den Straßen sieht man heutzutage eine unheimliche Vielfalt was das äußere Erscheinungsbild angeht: kurze Röcke, rote Lippen und High Heels, genauso wie Frauen mit einem klassischem Kopftuch (higab) bis hin zur Vollverschleierung (burka). Die Kleidung hat schon so manche Diskussion in unserer Ehe entfacht, und ist auch heute noch manchmal ein Punkt der zu Konflikten führt, denn ein zu tiefes Dekolleté oder ein zu enges oder kurzes Kleid ist ein absolutes No-Go für Papa Habibi. Denn er ist eifersüchtig und möchte sein Kostbarstes mit niemandem teilen. 

Der Europäer verurteilt das als einengend, herrisch und herablassend. Und von einem Europäer, der so aufgewachsen ist wie ich, hätte ich eine “Einschränkung” in dieser Hinsicht wahrscheinlich auch niemals akzeptiert. Und auch jetzt bin ich um Gottes Willen nicht mundtot. Wenn ich der Meinung bin, dass Papa Habibi übertreibt, diskutieren wir darüber, bis wir einen für beide Seiten angemessenen Kompromiss gefunden. Dieser sieht grundsätzlich so aus, dass Schultern, Bauch und Knie bedeckt sein sollten, und ich meinen g-String nicht der Allgemeinheit entgegen strecke. Damit kann ich gut leben, schließlich bin ich auch keine 18 mehr.

Um ehrlich zu sein, finde ich sogar eine gewisse Romantik darin, denn die Tatsache dass mein Mann mich und meinen Körper als zu kostbar empfindet, als ihn vor dem Rest der Welt zur Schau zu stellen, gibt mir in der Tat das Gefühl etwas Wertvolles und Besonderes zu sein. 

Und so kann ich es akzeptieren, denn er ist so aufgewachsen und es ist ihm wichtig, und ich sehe es in meiner Verantwortung als Frau und Mutter, nicht in aller Öffentlichkeit die Ehre meines Mannes zu untergraben (und das ist unabhängig davon welcher Glaubensrichtung man angehört!). Denn als solches wird es betrachtet, würde ich mich dem widersetzen und öffentlich im kurzen Schwarzen posieren. Die Ehre hat in Ägypten einen unwahrscheinlich hohen Stellenwert und wenn diese einmal verletzt ist, gibt es kaum einen Weg mehr zurück.

Über die Menschen und die (positive) Macht des Glauben

Die Menschen in Ägypten sind etwas ganz Besonderes. Sie sind unheimlich gastfreundlich, warm und bedingungslos gutherzig und ich bin überzeugt davon, dass ein nicht unwesentlicher Grund dafür ihr Glaube ist, unabhängig davon ob muslimisch oder koptisch (christlich), denn beide Religionen ko-existieren hier in voller Akzeptanz und Friedfertigkeit, entgegen jeglicher Darstellung in den Medien.

Die Tatsache mehrfach am Tag zu beten und so in direkten Kontakt mit  Gott/Allah zu treten, schärft das Bewusstsein denn Gott/Allah ist allgegenwärtig ist, und belohnt Gutes und ahndet Schlechtes.

Als ich nach Ägypten kam, war Ramadan. Auch wenn ich selbst nicht aktiv mitgefastet habe, war es doch für mich toll diese Zeit mitzuerleben. Es war im gewissen Sinne wie die Vorweihnachtszeit, nur im Vordergrund standen das Gedenken an und die Versorgung von Hilfsbedürftigen sowie das Beisammensein, statt einem kommerziellen Fest entgegen zu fiebern, von dem ein Großteil heutzutage nicht mal mehr den eigentlichen Ursprung kennt.

Ich selbst bin durch die Begegnung mit Papa Habibi, seinem Land und seiner Familie ein besserer Mensch geworden bin und habe hier gelernt andere Prioritäten im Leben zu setzen. Ich habe gelernt was wirkliche Armut ist und was richtiger Zusammenhalt bedeutet. Dinge die ich meinen Kindern lehren werde.

Die Menschen sind das was ich in Ägypten am meisten liebe und (traurigerweise) an Deutschland am wenigsten vermisste.

Über den Ursprung des Islam und die Erziehung unserer Kinder

Was heutzutage viele überhaupt nicht wissen (oder wissen wollen), ist dass der Islam vom Christentum abstammt. Dieses wiederum vom Judentum. Das heißt der Grundsatz unseres Glaubens ist der Gleiche. Ich war selbst darüber erschrocken, dass ich das erst gecheckt habe, nachdem ich angefangen habe mich ausgiebig mit dem Islam zu beschäftigen. Aber es ist ja kein Wunder, wenn der Lehrplan zum Thema Islam “Nicht ohne meine Tochter” vorsieht und schon die Heranwachsenden Generationen gezielt beeinflusst werden.  Ich hoffe, dass hat sich inzwischen geändert.

Mit meiner neuen Erkenntnis fiel es mir in der Tat nicht schwer, hinzunehmen, dass nach islamischem Recht (und so haben wir auch geheiratet) unsere Kinder automatisch den Glauben ihres Vaters übernehmen würden.

Was mich hingegen eher und mit zunehmendem Alter meiner Kinder vermehrt beschäftigt, ist die Frage, wie ich meinen Kindern authentisch den Glauben vermitteln soll. Denn viele Dinge habe ich in meiner Jugend selbst “falsch” gemacht und bin auch heute alles andere als unfehlbar. Ich habe den Koran gelesen. Dennoch bete ich nicht fünf mal am Tag. Ich faste nicht. Und ich mache keine Pilgerfahrt. Und ich bin keine Muslima.

Mir ist bewusst, dass da noch viele Konflikte vor uns liegen und heimlich, still und leise bin ich dankbar dafür, dass wir zwei Jungs statt Mädchen bekommen haben (auch wenn ich mir sehr eines gewünscht hätte). Aber heute betrachte ich es wirklich als ein Geschenk des Himmels und einen Segen für unsere Ehe, denn ich weiß, hier würden uns andere Diskussionen als jene über die Notwendigkeit einer Vorhaut-Op ereilen.


Respekt und Kompromiss sind nicht nur bei Diskussionen über angemessene Kleidung wichtige Aspekte. Sie sind das A und O in unserem täglichen Miteinander und eine absolute Grundvoraussetzung für unsere (wie jede) funktionierende Ehe, welche sich im Übrigen inzwischen bereits im (verflixten) siebten Jahr befindet.

Der jüngste Anschlag, der sich in der Heimatstadt von Papa Habibi ereignet hat, ist ein weiterer Beweis für die sich stetig ausbreitende Islamophobie. Ich kann besten Gewissens sagen, dass ich es niemals verantworten würde, meine Söhne mit einer “Religion des Terrors” aufwachsen zu lassen. Es ist Zeit, dass Menschen kapieren, dass Medien und Politik bewusst versuchen, Hass zu schüren und einen Keil zwischen die Glaubensrichtungen zu treiben. Was da draußen im angeblichen Namen des Islams passiert, hat mit Islam absolut gar nichts zu tun. Und mein Appell richtet sich an jeden einfach mal darüber nachdenken, dass wesentlich mehr muslimische als anders oder gar nicht Glaubende Menschen dem Terrorismus zum Opfer gefallen ist, aber darüber spricht keiner.  Und dabei ist es doch auch völlig egal, welcher Konfession die Opfer angehören, denn im Vordergrund steht der Mensch und nicht die Religion. Zumindest wäre es schön, wenn es irgendwann so wäre.

Währenddessen dürfen sich unsere Kinder über viele Feste und Feierlichkeiten im Jahr freuen: ob Ostern, Weihnachten, Opfer- oder Zuckerfest. Alles wird gewürdigt und gefeiert und das macht nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern Spaß.

Leben und leben lassen lautet mal wieder der berühmt berüchtigte Leitsatz und wenn dann noch ein bisschen mehr Toleranz und Menschlichkeit dazu kommen, sind wir schon auf einem ganz guten Weg.

In diesem Sinne, allen ein besinnliches Osterfest im Kreise der Liebsten und habt euch und eure (anders glaubenden) Mitmenschen lieb.

Muchos lovos,

Eure De Sa

PS. Mehrere interessante Glaubensrichtungen und -konstellationen findet ihr auf dem Blog von Mama Juja und ich lege euch hiermit meine dringende Leseempfehlung ans Herz. Darüberhinaus freue ich mich sehr über einen kleinen Einblick, ob und inwiefern der (religiöse) Glaube in eurem Alltag eine Rolle spielt. 

2 thoughts on “Wenn Eltern anders glauben – zwischen Islam, Christentum und Erziehung ”

  1. War interessant zu lesen. Wir haben auch eine interessante Zusammensetzung: ich aus Lettland, er aus Marokko, 2 Jungs und 1 Mädel… leben und wachsen in Deutschland. Ich bin heute Muslims aus Überzeugung, ansehen tut man es mir wahrscheinlich äußerlich nicht an, ich hoffe aber innerlich = schönes Benehmen;)

    Für die Kinder ist eine Vielfalt bereichernd.. da bin ich mir sicher. Unsere sind aber auch noch klein.

    Schöne Grüße

    Liked by 1 person

    1. Hi, danke dir – wow, eure Kombi klingt aber auch ziemlich exotisch, ist bestimmt auch total spannend, wenn auch nicht immer einfach – viele Kulturen, Sprachen etc – aber für die Kinder eine tolle Voraussetzung für die Zukunft!
      Alles Gute für euch!

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